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am 19. Mai

"Zeit für mich, die Führung abzugeben"

- Eva Glawischnig, unsere Bundessprecherin und Klubobfrau, hat am 18. Mai all ihre Funktionen zurückgelegt. Hier die Abschiedsrede zum Nachlesen.

Einen schönen guten Vormittag.
Geschätzte Vertreter der Medien, liebe Zuseherinnen und Zuseher im Live-Stream.
Danke für Ihr Interesse.

Ich habe Sie eingeladen zu einer persönlichen Erklärung. Ich glaube, das ist die dritte in zehn Tagen. Ich möchte die Öffentlichkeit und insbesondere die Grünen Wählerinnen und Wähler aber auch meine vielen Parteifreundinnen und -freunde über eine persönliche Entscheidung informieren.

als quereinsteigerin zu den grünen

Ich bin seit 2008 Parteichefin der Grünen. Ich habe mein berufliches Leben als engagierte Umweltjuristin begonnen. Ich habe Atomkraftwerksbetreiber geklagt, ich bin als Aktivistin auf Baustellen gesessen und ich habe mich als junge Frau auch immer für Gleichstellung, Selbständigkeit von Frauen, für ihre Unabhängigkeit, für die Vereinbarkeit von Partnerschaft, Job, Kindern, ihre Sichtbarkeit in Politik und Wirtschaft und Gesellschaft eingesetzt. Ich habe dann als Quereinstiegerin in den Grünen meine politische Heimat gefunden und sehr rasch dann als Stellvertreterin von Alexander Van der Bellen die Führung übernommen.

„Jetzt ist für mich der Zeitpunkt gekommen, die Führung abzugeben.“
Eva Glawischnig
Bild: Eva Glawischnig
seit 1999 im Parlament

Seit 1999 bin ich leidenschaftliche Parlamentarierin und Abgeordnete. Ich habe in all diesen Jahren zunächst als Nummer zwei hinter Alexander Van der Bellen drei Nationalratswahlkämpfe geführt und danach auch die Partei übernommen. Und als Kärntner Wirtshaustochter, die in ihrer Familie als erste ein Doktorat abschließen durfte, habe ich dann als Nationalratspräsidentin auch das Parlament als Ganzes vertreten dürfen. Das war für mich eine besondere Auszeichnung.

ein historischer erfolg und ...

Und ein historischer Erfolg für mich, das war der Einzug der Kärntner Grünen in den Landtag. Das waren die letzten Landeswahlen, wo wir noch nicht im Landtag vertreten waren. Es gab dort eine Zehn-Prozent-Hürde. Ich habe damals meinen Wohnsitz von Wien nach Kärnten verlegt und Seite-an-Seite mit Rolf Holub in allen Wirtshäusern von Klagenfurt und Umgebung wahlgekämpft. Wir hatten sogar einmal fast eine Schlägerei. Aber dadurch wurde der Grundstein für die Ablöse der FPÖ gelegt und die HYPO-aufklärung konnte letztendlich beginnen. Das war übrigens das einzige Mal, wo mir Johannes Voggenhuber gratuliert hat. Also, nach diesem Einzug.

... die bisher erfolgreichste Phase der grünen

Als ich die Partei übernommen habe, gab es viele kritische Stimmen. Manche haben gesagt: Die Grünen werden ein Drittel der Wählerinnen und Wähler verlieren. Manche haben gesagt: Ja, warum die. Es kam aber ganz anders. Wir haben als Team die erfolgreichste Phase der Grünen in Österreich und auch Europa beachtlich geschafft: 12,5 Prozent bei der Nationalratswahl, in Niederösterreich hatten wir ein Plus, in Kärnten plus sieben Prozent, in Tirol ein Plus, in Salzburg plus 12 Prozent. Die Nationalratswahlen, dann die Europa-Wahlen plus fünf Prozent, Vorarlberg plus sieben Prozent. Burgenland ein Plus, Steiermark ein Plus, Oberösterreich ein Plus. Die Regierungsbeteiligungen. Dann das Projekt 'Van der Bellen in die Hofburg'. Der erste Grüne Präsident Europas. Das habe ich maßgeblich betrieben und unterstützt. Und wir haben gesehen, was alles geht und was alles möglich ist.

„Es war immer mein Anspruch auch mutig zu sein. Die Grünen als Gestaltungskraft zu etablieren, zu sehen, an unsere Kinder zu denken. Für die Absicherung unserer Lebensgrundlagen, für Umweltschutz, für Klimaschutz, für Menschlichkeit, für Seriosität, für Respekt und vor allem für Respekt mit den Schwächsten.“
Eva Glawischnig
Eva Glawischnig während der Sommertour mit Kindern

zutiefst persönliche Entscheidung

Ich habe eine Entscheidung getroffen. Und es ist eine zutiefst persönliche Entscheidung: Ich werde nicht mehr als Spitzenkandidatin für die Grünen zur Verfügung stehen. Ich werde alle meine Funktionen zurücklegen. Die Bundessprecherin, die Klubobfrau und auch mein Nationalratsmandat. Es gibt keinen bestimmten Anlass für diese Entscheidung. Sie ist gereift über eine längere Zeit. Natürlich ist es zugespitzt durch die Neuwahl-Situation Aber in aller Offenheit: Ich habe eine Familie, ich habe zwei wunderbare Kinder, zwei Söhne. Und es hat körperliche Warnsignale gegeben, die ich ernst nehmen muss. Ich habe gegenüber meiner Familie eine Verantwortung und meinen Kindern, dass ich gesund bleibe, dass ich in voller Gesundheit für sie da bin.

Als Mutter Gesundheit aufs Spiel zu setzen, den allergischen Schock, das Wissen, dass eine Spitzenfunktion in der Politik 24-Stunden-Verfügbarkeit Sieben-Tage-die-Woche bedeutet hat mich zu der Entscheidung bewogen, in der Zeit, wo sie mich eben noch ganz besonders brauchen, mich gegen dieses berufliche Engagement zu entscheiden. Bei aller Freude, die mir der Politik gemacht hat und die Arbeit an der Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen in Österreicch.

„Ich appelliere an uns in der politischen Branche aber auch an die Medienbranche, sich rückzubesinnen auf das, was wirklich relevant ist. Und nicht, was man dramaturgisch brutal überspitzen kann.“
Eva Glawischnig
Bild: Eva Glawischnig

diesen job kann man nicht ewig machen

Den Job eines Parteichefs, einer Parteichefin kann man nicht ewig machen. In Zeiten dieser medialen Zuspitzung reibt das jeden Menschen einfach auf. Und ich habe vier ÖVP-Chefs erlebt, überlebt. Ich habe drei SPÖ-Chefs erlebt. Nur Strache teilt mein Dienstalter. Und ich sage jetzt ganz ein bisschen spöttisch: Ich glaube, ich sehe noch nicht so alt aus, wie mein Dienstalter eigentlich sein sollte. Aber, eine kritische Anmerkung: Die politische und mediale Aggressivität hat wahnsinnig zugenommen. Und ich appelliere an uns in der politischen Branche aber auch an die Medienbranche, sich rückzubesinnen auf das, was wirklich relevant ist. Und nicht, was man dramaturgisch brutal überspitzen kann. Wo man Klicks, Quote und Aufmerksamkeit und WählerInnen-Ängste sozusagen mobilisieren kann. Und da hat auch die Politik in den letzten Jahren sicher selbst auch übers Ziel hinausgeschossen.

gegen hass im Netz

Ich appelliere an Social Media aktive Menschen insbesondere Anstrengungen zu unternehmen gegen Hass und Aggression im Netz, die Debattenkultur zu verändern, zu verbreitern. Dass nicht der Hass das dominante Element im Netz bleibt.

Und ich werde daher alle meine Aktivitäten gegen Hass im Netz auch als Privatperson alle Musterklagen mit aller Kraft fortsetzen gegen Facebook und Co. Insbesondere dann, wenn es um verbal sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Netz geht. Das werde ich persönlich mit aller Kraft weiterbetreiben.

für die demokratie

Als überzeugte Parlamentarierin möchte ich noch eine Lanze für die parlamentarische Demokratie brechen und warnen vor dem Konzept und dem Wunsch vor dem sogenannten "starken Mann". Ich möchte erinnern an Politikerinnen wie Barbara Prammer und Sabine Oberhauser, die für Lösungen und Sachlichkeit standen. Lösungen und Sachlichkeit im Vordergrund. Und nicht das Duell der Eitelkeiten und der persönliche Ehrgeiz.

Ich war sehr oft die einzige Frau in diesen politischen runden. Ich war auch die einzige Frau unter den Parteichefs, unter den Klubobleuten in politischen Diskussionen. Und ich behaupte: Wenn es mehr Frauen in Führungspositionen gäbe, dann hätten wir auch eine andere politische Kultur.

DANKE!

Ich möchte mich bei Ihnen bedanken für Ihre korrekte und respektvolle und seriöse Berichterstattung. Ich sage aber auch, dass es in der Medienbranche einzelne Persönlichkeiten gibt, die die Republik regelrecht vergiften und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt damit gefährden. Die keinen Respekt vor der anderen Meinung haben, die journalistische Sorgfalten und Recherche vermissen lassen oder einfach zu tiefst sexistische Machos sind.

Ich möchte mich bei meinen politischen Mitbewerbern bedanken, für die Kooperation aber auch für die Auseinandersetzung. Sie hat mich weitergebracht, sie hat mich gefordert.

Ich möchte mich bedanken bei Alexander Van der Bellen und seiner Doris. Ich möchte mich bedanken bei meinem engsten Team, bei meinen Geschäftsführern und StellvertreterInnen. Bei Dieter Brosz, bei Robert Luschnik, bei Werner Kogler, bei Ingrid Felipe, bei Albert Steinhauser. Ich möchte mich bei meinem Büro bedanken, bei Barbara Wurzer. Ich möchte mich bei meinem Presseteam bedanken – stellvertretend bei Karin Strobl, Sebastian Wedl. Ich möchte mich bei allen Abgeordneten bedanken, beim Parteivorstand, bei den LandesrätInnen. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bundesbüro und im Klub. Ganz herzlichen Dank für die viele, viele inhaltliche Arbeit. Den vielen AktivistInnen in den Gemeinden. Und ein ganz besonderes Dankeschön an Hansi Eitler von den 'Grünen Andersrum'. An Christian Nohel, an Lothar Lockl, an Stefan Wallner und Martin Radjaby. Danke an meine Wählerinnen und Wähler, Danke an meine Söhne Benjamin und Sebastian und Danke an Volker.

Bild: Eva Glawischnig am Fahrrad
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